Großerlach - Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung. Und auch bei heftigem Regen kann man ganz prima auf Bäume klettern, auf dem Pferd mitten durch den Schwäbischen Wald wandern und unter freiem Himmel grillen.

Man braucht allerdings Leute wie die Anja und den Michael Nowak vom Heuhotel Schweizerhof bei Großerlach-Mannenweiler und deren Freunde, den Kletterkünstler Andreas Bälz, und die Pferdeflüstererin Ina Hermanns. Und dann sollte man unerschrockene Leser einladen, Menschen wie jenes gute Dutzend Männer und Frauen sowie deren putzmuntere Kinder, die ausgerechnet am wettermäßig miesesten Tag seit Wochen zu der Veranstaltung im Heuhotel gekommen sind. Es sind tatsächlich alle erschienen, trotz des anhaltenden Dauerregens. Respekt. Das hatten wir nicht unbedingt erwartet.

 

Bitte kein offenes Feuer im Heuhotel

Willkommen also auf dem Schweizerhof, einem allein in der Landschaft stehenden Gebäudeensemble. Als alle Teilnehmer des Aktionstags eingetrudelt sind, erklärt der Heuhotelier die wenigen Regeln, die auf dem Hof zu beachten sind. Erstens: bitte kein offenes Feuer im Gebäude, Heu brennt schließlich wie Zunder. Und zweitens: die Übernachtungsgäste sollten möglichst nur ihre Schlafsäcke ins Heu legen, alle kleineren Utensilien gingen nämlich schnell verloren. Und die Wiederbeschaffung gleiche der sprichwörtlichen Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen. Manch ein Gast habe notgedrungen mit nur einem Schuh die Heimreise antreten müssen. Vor solchem Ungemach wolle er seine neuen Gäste bewahren, sagt Michael Nowak und grinst süffisant. Ein Bub antwortet spontan: „Zum Glück hab ich kein Lego dabei“, doch solche Spielsachen sind ohnehin überflüssig, dafür sorgen die Veranstalter, deren Schäferhund Eisbär und das Pferd Luna.

„Alles gut?“, fragt der Hausherr, und alle nicken. Dann kann’s ja sofort losgehen. Wer reiten will, geht mit Luna und Ina Hermanns, die alle Novizen beruhigt: „Niemand muss was können, jeder darf reiten – mit einer kleinen Einschränkung: nur bis 90 Kilogramm.“ Derweil sammelt Andi Bälz alle großen und kleinen Kletterer ein. Das gesicherte Klettern auf den Bäumen gleich neben dem Hauptgebäude sei „für jeden gegeigten“, auch bei mehr als 90 Kilogramm Eigengewicht.

 

Die Leser sind im Nu per Du, die Gruppe harmoniert

Nathalie darf als erste aufs Pferd. Die anderen laufen hinterher. Es geht mitten durch den Forst, steil bergab. Nach einem kurzen, abenteuerlichen Ritt durch das Unterholz wird gewechselt. Jetzt ist Simon an der Reihe. Die allermeisten Leser sind im Nu per Du, die Gruppe harmoniert super. Die Ina erklärt gleich zu Beginn des Wanderritts, dass sie ihre Schützlinge nicht ständig „voll texten“ wolle, die Stille im Wald wirke beruhigend. Und dann erzählt sie doch: etwa von wildromantischen Klingen und Bannwäldern, die weitgehend sich selbst überlassen bleiben. Der feuchte Ausritt dauert knapp zwei Stunden, die Gruppe kommt auch am rekonstruierten Limesturm bei Grab vorbei.

Zeitgleich testen die anderen ihr Können am Kletterseil. Die zehnjährige Hannah kommt mit einem Affenzahn hoch. Ruck, zuck ist das Mädchen ganz oben in der Baumkrone. Ihre Erklärung ist einfach. „Ich hab in einen Kletterhalle an einen Parcours für 15-Jährige geübt“, sagt sie und strahlt. An einem anderen Baum hat Andi sogenannte Monkey-Klettergriffe mit Spanngurten am Stamm befestigt, hier kann man wie in einer Kletterhalle trainieren. Die neunjährige Uschi ruft nach der Rückkehr auf den Waldboden: „Das macht so Fun.“

 

Erstmals geritten und die Höhenangst überwunden

Das Sauwetter hält an. Michael Nowak, der einst Restaurantfachmann gelernt und früher zusammen mit seiner Frau Anja mehrere Restaurants betrieben hat, schmeißt den Kohlegrill an. Die Reiter sind zurück, und auch die Kletterer haben genug von der Nässe. Jetzt werden Würstle, Fleisch und gegrillte Maiskolben serviert. Simon und Jutta Kutzora erzählen, dass sie zum ersten Mal geritten seien und dann auch noch beim Klettern ihre Höhenangst überwunden hätten. Der neunjährige Erik fand das Reiten „ganz toll“. Und auch sein Vater Benjamin Korff ist begeistert, von den Aktionen im Wald und von „den tollen Menschen, die ich kennengelernt habe“.

Nach dem Essen schnappen sich die Kinder die Fackeln, es dämmert und die Nachtwanderung beginnt. Erst kurz vor Mitternacht liegen die ersten im Heu. Ein paar Erwachsene hocken noch lange zusammen. Sie schwätzen über Gott und die Welt, über Yoga und über die Arbeit, über das ruhigere Leben in der Provinz und die Hektik in der Stadt. Und die Heuhoteliers erzählen von ihren Plänen. Sie wollen in die große Doppelgarage elf einfachste Zimmer einbauen, eine Lebensgemeinschaft auf dem Hof gründen. Zu weit vorgerückter Stunde sagt der Benni: „Das ist einer der schönsten Abende seit langem.“

 

Die Erwachsenen waren nachts viel zu laut, sagen die Kinder

Am nächsten Morgen beim Frühstück meckern ein paar Kinder: Die Erwachsenen seien mitten in der Nacht viel zu laut gewesen. Es riecht nach Aufbruch, und die neunjährige Uschis sagt: „Ich tät gerne noch eine Nacht bleiben.“ Und Benni, der so lange wach gewesen ist, sagt: „Ich habe geschlafen wie in einem Himmelbett“ – allerdings höchstens drei Stunden lang. Hannah verabschiedet sich: „Bis zum nächsten Mal.“ Dann tauscht sie mit Jessica noch die E-Mail-Adresse. Vielleicht der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.